G20. Medienkonsum. Wahrnehmung. Politik.

Ich gebe zu: Ich war dabei. Zugedröhnt mit Antibiotika und einem grundsätzlichen Verbot durch die bessere Hälfte war ich per Twitter, per Livestream auf diversen Internetplattformen und den normalen Nachrichtensendern, den Liveblogs, den WhatsApp-Nachrichten und per Radio mit dabei. G20-Protestteilnahme durch Medienkonsum.
Was ist nach diesen 4 Tagen im Juli geblieben? Ganz einfach: Alle Erwartungen wurden erfüllt!

Lange vor Juli 2017:

Meine Frau: Du gehst da nicht hin. Viel zu gefährlich.

Ich: Ich weiß. Das weiß irgendwie jeder der Hamburg kennt.

Wer immer die Idee hatte, das Treffen der G20 in Hamburg durchführen zu lassen, hat sicher folgende Fragen im Vorwege mit Ja beantwortet:

  1. G20 wird kein Erfolg! – Check: Ja
  2. Es wird Demonstrationen geben! – Check: Ja
  3. Es wird Straßenschlachten geben! – Check: Ja
  4. Straßenschlachten lenken vom Morden und Kriegführen der G20 ab! – Check: Jawoll
  5. Straßenschlachten können im Nachhinein weitere Repressionsmaßnahmen ermöglichen! – Check: Jawoll (europ. Gefährderdatei)
  6. Heiko Maas hat irgendeine tolle Idee. – Check: Jepp (Rock gegen Links – klick hier – Fragt sich nur mit welchen Bands?)
  7. Alle Politiker sind gegen Gewalt, aber haben weiter nichts gegen Drohnenmorde und Krieg.

Und jetzt:

Wie zu erwarten haben viele Hamburger Ihre Stadt zum Gipfel verlassen. Unternehmen haben ihr Personal zu hause gelassen. Die Straßen waren endlich mal frei. Kaum Verkehr.

Die Bevölkerung hatte definitiv geahnt was kommt. Scheinbar sind der Innensenator, sein Bürgermeister und die Polizeistrategen nicht wirklich zu hause in Hamburg. Sonst hätten sie eine andere Strategie gewählt.

Außer man wollte auf die Nase fallen.

Medienkonsum und Wahrnehmung:

Als ich die ersten Bilder der allerersten Demo sah, war ich wütend. Am Fernseher hatte man den Eindruck als wäre die Polizei grundlos gegen den an der Spitze auftretenden schwarzen Block losgegangen. Ich konnte trotz unseren großen Flatscreen keine Aggression erkennen. Die Vermummung soll das Problem gewesen sein, aber auch hier war ich der Ansicht die schwarz gekleideten Protestler kommen der Aufforderung nach und entfernen die Vermummung. Der anschließende Zugriff der Polizei sah gefährlich aus. Die Flucht über die Mauern am Rand durch die Leute vom Schwarzen Block hatte etwas Dramatisches. Ich war wirklich wütend.

Als ich noch etwas jünger war, so knapp vor 15 Jahren, war ich auch auf einigen Demos. Nicht viele. Hatte auch andere Hobbies. Der schwarze Block, damals auch schon existent, war immer die Spitze, nicht verlegen in Provokation und Angriffslust eine Demonstration spannender zu machen. Die Leute von damals sind heute Ingenieure, Lehrer, Juristen oder auch Beamte. Eigentlich waren die Bilder wie immer. Wie gehabt. Wie seit Ewigkeiten passiert. Es ist die Regel, dass der schwarze Block sich an der Spitze hinter ein riesiges schwarzes Banner zusammen drängt und sobald die Chance da ist mit hoher Geschwindigkeit im Block auf die Polizei los läuft, um kurz vor den Beamten zum Stehen zu kommen. Die Beamten gehen natürlich in Abwehrhaltung. Das Spiel ist Jahrzehnte alt. Erst, wenn Wurfgeschosse fliegen, beginnt die Auseinandersetzung.

Später, jetzt im Nachhinein, sind viele Videos auf youtube aber auch liveleak.com einsehbar. Aufnahmen aus dem Zentrum der ersten Demonstration. Die vorrangig Glasflaschen, die auf und in Richtung Polizei flogen, waren erst aus der Nähe erkennbar. Aber auch Angriffe von der Seite. Ich relativiere meine Wut deshalb. Auch, wenn ich weiß, dass das auch schon immer so war. Mal weniger, mal mehr. Weil trotz dieser Würfe, auch weniger Polizeieinsatz möglich gewesen wäre. Weil es in der Vergangenheit funktionierte, oder manchmal auch nicht funktionierte und alle Beteiligten abgewogen haben, was wichtiger ist. Auch, weil sich auch bei Demonstrationen selbstreinigende Kräfte engagieren derartige Würfe zu unterbinden.

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Wäre die Demonstration in dieser Art in der Türkei gewesen, hätten Medien und Politik wohl die Spitze im Staat kritisiert. Bei uns nennt man es pauschal linke Gewalt, während Staat und Dienste Aufklärung im rechtsterroristischen Bereichen (NSU) sabotieren. Aber auch das war rückblickend doch auch schon immer so. Mal mehr, mal weniger. Alles wie gehabt. Ob 1.Mai in Berlin oder die ehemaligen Chaostage in Hannover. An diesem Juliwochenende war es genauso. Vielleicht etwas mehr, vielleicht haben wir aber auch lange davon nichts mehr gesehen. Wenn man etwas vergisst, ist es umso härter, wenn es sich wiederholt.

Alles was passiert ist, wurde vorhergesagt. Alles was passiert ist, war eigentlich normal. Ein wenig froh bin ich, da die Regierung bereits die letzten Hürden für einen lückenlosen technischen Überwachungsstaat genommen hat. Sie können nicht mehr behaupten, dass sie diese Werkzeuge (VDS, Staatstrojaner, Videoüberwachung mit biometrischer Erkennung etc.) benötigen würden, um derartige Vorfälle zu verhindern. Sie haben sie ja jetzt. Alles wird besser!

Twitter und Co:

In den sozialen Netzwerken hingegen hat sich alles getroffen. Unterstützer für die Proteste, auch die Gewalttätigen. Gegner von grundsätzlich allem Linken, Merkeltreue AfDler, apolitische Nutzer oder witzige Kommentatoren. Ich habe von allen Seiten retweetet. Eine Meinung muss sich jeder selbst bilden. Ab und zu musste ich mal etwas mehr schreiben. In der Regel aber höre ich auf, wenn jemand versucht auf Twitter mit 140 Zeichen tiefgründig diskutieren zu wollen. Dann lieber demonstrieren.

Grundsätzlich waren die sozialen Netzwerke schneller. Die Leute vor Ort waren dabei und konnten die Welt live mit Informationen berieseln. Die Nachrichtensender kamen teils Stunden zu spät mit einigen Details nach. Rückblickend war es wohl auch ganz gut. Man muss ja keine Panik schüren. Verunsichert ja bloß die Bevölkerung! :) Indymedia hatte einen Liveticker wo Aktivisten inklusiv Kartenübersicht Infos teilten. Ein Grund mehr das Internet abzuschalten, oder Herr Maas?

Die Schanze:

Was soll man sagen. Es war etwas heftiger als sonst oder länger her als wir uns erinnern können. Verwundert hatte es mich nicht. Ich hatte es erwartet. Wenn Einsatzleiter sich verwundert über den Ablauf zeigen und die Härte die ihnen entgegen kam, dann verstehe ich das nicht. Die größten Feinde der freien Welt – aus linker Sicht – waren in Hamburg, geschützt durch ein kleines Großaufgebot und im Vorwege bereits – aus linker Sicht – das Verhindern von Camps und Demonstrationen. Es hatte sich bereits Tage zuvor hoch geschaukelt. Wer linke Foren oder unabhängige Medien wie Indymedia verfolgte, wusste wie sich die eher anarchistische (nicht linke) (auch Gast-) Szene organisieren will.

Nichts, aber auch gar nichts war verwunderlich. Ich habe es genauso erwartet. Mein Umfeld hat es genauso erwartet. Ob wir uns jetzt über ein paar Prozentpunkte mehr Feuer, Steinwürfe oder Ladenplünderungen unterhalten, ist dabei egal. Die Dimension dessen was passiert ist, war zu erwarten. Punkt! Ähnliches habe ich bei den G8-Protesten in Rostock vor einigen Jahren erlebt. Da waren die Einsatzleiter auch schockiert, als die Polizei gegen viel zu viele Demonstranten verfeuert wurde. Dass verantwortliche Dienste hier eine falsche Einschätzung der Situation vornahmen, halte ich für Unsinn, im höchsten Fall reines Versagen. Anwohner der Roten Flora in Hamburg wären hier wohl besser geeignet gewesen, um Empfehlungen zu geben.

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Das Versagen:

Im Zentrum dieses verlängerten Juliwochenendes stand der Schutz der G20-Teilnehmer, die Sicherstellung von Demonstrationen. Das wirkliche Versagen wurde bisher nirgends angesprochen. Nicht einmal im Ansatz.

Unser Staat ist mittlerweile wehrlos. So wehrlos, dass die Bevölkerung nicht mehr geschützt wird. Punkt.

Ihr habt sicher den schwarz gekleideten Mob gesehen, der durch Altona zog, Autos anzündete, Scheiben einschlug, Geschäfte verwüstete und sogar meinen Lieblings-IKEA in Altona ein bisschen anzündete. Das war eine kleine kriminelle Gruppe. Nicht die Mehrzahl der friedlich Demonstrierenden oder die auf legalen zivilen Ungehorsam bauenden Protestler. Dieser schwarze Mob zog Stunden durch die Stadt und niemand hielt sie auf. Das waren keine Linken, das waren im Höchstfall Anarchisten, wohl eher reine Krawallmacher. Niemand war da, um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Während die Polizei sich bei tausenden Demonstranten abmühen musste und Kriegstreiber und Ausbeuterspitzen der G20 schützte, war niemand mehr da für den Rest der Bevölkerung. Das ist die eigentliche Botschaft dieses Ereignisses.

Dieser schwarze Mob konnte randalieren und zerstören. Mehr wollten diese Leute auch nicht. Wären es wirklich linke Radikale gewesen, so hätten sie nicht die Kleinwagen der Normalverdiener oder kleine Läden angegriffen, sondern den Mut haben müssen sich die wirklichen kapitalistischen Gegner vor zu knöpfen. Dafür aber fehlte der Mumm. Im Unterschied zum normalen Nazipack, das sich eher durch Angriffe gegen Menschen hervortut, sind bei diesem Altonaer Kreuzzug keine Menschen das Ziel gewesen. Nur Sachen. Alles ersetzbar.

Aber genau die Möglichkeit, der Raum der hier gelassen wurde, ist doch das wirkliche Problem. Stellen wir uns mal vor dieser Schwarze Block hätte die Fahnen des IS geschwungen und wäre mordend durch Altona gelaufen. Es hätte keine Sicherheitsorgane gegeben, die das hätten aufhalten können. Die Merkel Regierung (CDU/CSU/SPD) hat das Land im Innern nicht nur sozial, sondern auch mit Blick auf die Sicherheit für die Bevölkerung tot geschrumpft. Die Wohlhabende Machtelite konnte gut geschützt klassische Musik hören. Der Rest musste Böller, Feuer und Gewalt ertragen. Wenn Hamburger Polizei während eines Ereignisses Hilfe aus anderen Bundesländern anfordern muss, dann ist das ein Totalversagen auf der Planungs- und Entscheidungsebene. Stellen wir uns vor in allen Bundesländern gleichzeitig wäre so ein Mob aktiv. Nicht nur aus reinen Krawallmotiven, sondern aus politischen Motiven. Das wäre das wirkliche Ende des Staates wie wir ihn kennen. Mindestens aber der Regierung.

 

Mögen alle Verletzten, egal auf welcher Seite, schnell und vollständig gesund werden.

 

(IMHO)

7 Kommentare G20. Medienkonsum. Wahrnehmung. Politik.

  1. McIndy

    Zum Thema “das waren keine Linken” kann ich, sozusagen aus erster Hand, nur sagen: Doch, da waren viele “Linke” mit dabei. Viele kann man treffen, wenn man an einem normalen Tag in der Flora vorbei schaut. Diese “kleine kriminelle Gruppe” ist leider sehr eng mit dem ideellen “Führungszirkel” der linken Szene in Hamburg verwoben. Die ersten Reaktionen der entsprechenden Persönlichkeiten (bevor ihnen die Tragweite der Ausschreitungen wirklich bewußt wurde), sowie der Text der Pressemitteilung sind da mehr als Eindeutig. “Wir verstehen uns als Teil vom Spektrum linker Gruppen. Zielgerichtete Militanz ist für uns ein Mittel, um direkt und wirksam in Ereignisse, verändernd einzugreifen. […] Aus unserer Sicht haben wir das Ziel erreicht: […] die massiven Aktionen auf der Straße haben die Berichterstattung über das Gipfelgeschehen zeitweise sogar überlagert.”

    Was den Einwand angeht, echte Linke würden ja sowas nicht in “ihrem” Viertel machen, gibt es auch eine schöne Passage in der Presseerklärung: “wir werden uns auch nicht in Debatten darüber verstricken, wie „das Viertel“ die ganzen Ereignisse bewertet. „Das“ Viertel gab es noch nie. […] Gestern wurde uns auch reichlich Sympathie und Solidarität zum Ausdruck gebracht.”

    1. gold morning kowa

      Ich definiere Linkssein anders. Gewalt gehört nicht dazu.

      1. Lutz

        Tja, das ist löblich – aber vollkommen irrelevant. aber es ist nunmal so, das in Hamburg die Szene um die Flora, von der auch die Gewalt ausging, politisch links orientiert ist. Sich selber so definiert und von der gewaltfreien(!) linken Politik auch als legitime Vertreter links ihrer Position anerkannt werden. Das Problem ist, das die Anwendung von Gewalt (gegen Sachen) von der jeweils regierenden Politik (und das betrifft tatsächlich alle Parteien gleichermaßen) geduldet wurde. Bis zu dem Punkt, an dem sich ein gewisses Gefühl der Unatastbarkeit gebildet hat. Ich meine, vorher explizit (im Ausland) für die Demo mit dem Spruch “Hamburg brennen sehen” werben und dann hinstellen und sagen, das ja man ja nix dafür könne, das da so viele Ausländer randaliert hätten ist schon irgendwie grenzwertig. Ich will nicht behaupten, das das Räumen der Flora das Problem beseitigen würde, aber es wäre ein deutliches Zeichen, das die Szene eben nicht unantastbar ist. Das ist das wahre Versäumnis der Politik in Hamburg.

  2. Andreas G.

    Ich kann zu dem Thema die aktuelle Folge von Logbuch Netzpolitik empfehlen.

    1. good morning kowa

      Ja. Kommt viel zu kurz. Es wird nur wieder ganz unten gegeneinander ausgespielt.

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