MPESA.

Wenn Ihr in den späten Abendstunden oder am frühen Morgen in Kenia ein paar Artikel des täglichen Lebens benötigt, könnt Ihr zwischen normalen Supermärkten oder kleineren Kioske wählen. Die Kioske findet man in Seitenstraßen, versteckt in vielen Ecken der Städte und Dörfer. In der Regel haben sie entweder bis spät Abends oder fast durchgängig geöffnet. Die Kioske bieten die notwendigen Güter für normale Haushalte in kleinen Größen. Eines dieser Geschäfte wollten wir genauer begutachten. Der Kiosk unserer Wahl befindet sich in einem Wohngebiet in einer Stadt namens Thika im Kiambu Bezirk in Kenya. Der BesitzerJeff, ist ein Mann mittleren Alters. Er lebt in einem benachbarten Wohngebiet. Ein Kenianer, verheiratet und mit zwei Kindern beglückt. Sein Geschäft firmiert unter dem Namen Flomer Enterprises und befindet sich im Abschnitt 9 in Thika. Keine Webseite, kein Onlinehandel, kein westlicher Standard, keine Bauvorschriften, kein Arbeitsschutz, aber in der Lage sein Geschäft nur mit dem Mobiltelefon zu führen. Von Einzahlungen, Auszahlungen bis zu den Steuern.

Das Geschäft, das im Jahr 2002 begonnen wurde, begann als kleiner Lebensmittelladen für die Betreuung der Bewohner in seiner unmittelbaren Nähe. Jeff bietet bis heute die grundlegenden Artikel wie Gemüse, Brot, Milch, Guthaben für mobile Kommunikation, Soda etc. an. Als Einzelunternehmer war es relativ einfach zu starten. Sobald er das Startkapital angespart hatte, konnte es einfach losgehen. Keine anderen Hürden. Sein älterer Bruder war seine Inspiration, da dieser auch ein Lebensmittelgeschäft im selben Bezirk etabliert hatte. Zwar befindet es sich auf der anderen Seite der Stadt, aber es wirkt nach Außen wie ein großer Familienbetrieb.

Sein Shop, im Volksmund als Flomer Kiosk bekannt, ist schrittweise gewachsen. Ab einem Punkt musste seine Frau ihm zu Hilfe kommen. Seine Arbeitsbelastung wuchs mit einem weiteren Geschäftszweig im Bereich Zementierung. Es ist nicht selten, dass in Kenia der Gemüsehändler auch Fliesen oder Elektroleitungen verlegt. Seine Zielgruppe oder seine Klientel ist das mittlere bis niedrige Einkommen der Gegend, da die obere Mittelklasse und die wohlhabende Oberschicht eine größere Neigung haben in großen Supermärkten einzukaufen und dies in der Haupteinkaufszeit auch tun. Ab und zu besuchen auch sie manchmal seine Niederlassung für Bequemlichkeitsgüter für die niemand gerne im Stau steht.

Jeff erlitt 2011 einen kleinen Rückschlag, als sein Kiosk in einem Feuer niederbrannte. Er verlor einen bedeutenden Teil seines Bestandes sowie seines Geschäftes. Er war aber immer noch entschlossen die Herausforderung anzunehmen und ließ sich trotz dieses Rückschlages nicht hängen. Er wollte erfolgreich sein. Er begann mit einer robusteren und langlebigeren Struktur in Form eines Anhängercontainers den er von einem Geschäftsmann kaufte. Damit minimierte er die Brandgefahren. Viele Märkte bestehen heute noch aus einer Aneinanderreihung von Bretterbuden und Feuer sind nicht selten.

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Im Jahr 2012 gab es eine Welle von neuen kleinen Unternehmen auf der Grundlage von Geld-Transaktionen mit Hilfe von Mpesa. Mpesa ist ein mobiler Geldtransfer-Service der führenden Telekommunikationsfirma in Kenia, Safaricom Ltd. Im Wesentlichen können damit Händler unabhängig von der Unternehmensgröße alle Zahlungen die einmal von der Telekommunikationsgesellschaft registriert wurden, nachverfolgen. Sie können untereinander und Ihren Kunden anbieten bargeldlos von Mobiltelefon zu Mobiltelefon zu bezahlen. Nicht per App, sondern USSD Code. Mit dieser Leichtigkeit im Bereich der Buch- und Kassenführung und dem drohenden Erfolg von Mpesa bei der Bevölkerung blühten kleine Unternehmen auf und Jeff entschloss sich diese Möglichkeiten ebenfalls zu nutzen und als Geschäftsfeld seinem Kiosk hinzuzufügen. Das Geschäft war noch neu aber das Glücksspiel zahlte sich aus, als die Mpesa-Flamme wie ein Buschfeuer im ganzen Land zum Erfolg wurde und bis heute einer Revolution gleicht, der westliche Staaten noch immer hinterherlaufen.

Jeff begann als Mpesa-Agent der die Ein- und die Auszahlung von Geld für seine Kunden ermöglichte, noch bevor in seinem Geschäft für Waren über Mpesa bezahlt werden konnte. Das erhöhte seinen Umsatz erheblich. Physisches Bargeld war keine Voraussetzung mehr Waren von ihm zu kaufen. Mpesa erhöhte auch die laufende Kundschaft zu seinem Kiosk, da einige Leute nur Mpesa-Transaktionen machen wollten. In der Regel kaufen diese Kunden am Ende nämlich Waren, wegen denen sie eigentlich nicht gekommen waren.

Die größeren Gewinnspannen und die gestiegene Kundenbasis mit Hilfe der Mpesa-Geldplattform hatten es Jeff ermöglicht sein Geschäft wachsen zu lassen. Er hat seine Geschäftstätigkeiten durch Mpesa kontinuierlich erweitert, indem er ein Gasliefergeschäft mit einem kleinen Motorrad anbietet. Auch dieser Geschäftszweig ist nicht selten. Es kommt häufiger vor, dass auf kleinen Mofas ganze Möbel (Dreisitzer-Couch, Kleiderschrank …) transportiert werden. Mpesa hat Jeff außerdem ermöglicht eine breitere Palette von Waren zu kaufen und seine Räumlichkeiten zu erweitern. Der Kiosk ist zwar immer noch nicht größer als ein kleiner DB-Store am Bahnhof in Deutschland, aber die Palette des Angebotes ist in der Regel viel umfangreicher. Nicht ganz so schön sortiert, aber funktional. Vor Kurzem kaufte Jeff sich einen Pick-up-Truck der ihn zusätzlich den Einstieg in das Transportgeschäft wagen ließ. Eine alternative Einnahmequelle. Alle neuen Dienste werden durch Mpesa-Zahlungen finanziert. Die vereinfachte Zahlungsabwicklung ist ideal.

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Abgesehen von den oben erwähnten Vorteilen von Mpesa ist auch die Sicherheit ein großer Vorsprung. Diebe und Straßenräuber haben keine Möglichkeit mehr große Bargeldbestände zu erbeuten. Raub per Mpesa wäre Unsinn, da der Täter nicht anonym operieren kann. Dies ist besonders hilfreich für Jeff, weil er sein Geschäft gegen 22 Uhr täglich schließt und jeden Tag mit großen Mengen an physischem Geld aus dem Verkauf den Heimweg antreten muss. Er wäre ein verlockendes Ziel für einige skrupellose Charaktere, wie es ihm in der Vergangenheit bei verschiedenen Gelegenheiten bereits geschehen ist. Aber Mpesa hat dazu beigetragen das Problem zu lösen, da das Risiko leer auszugehen Diebstahlkriminalität verringert hat. Trotzdem besteht immer noch das Risiko von bewaffneten Raubüberfällen auf Kunden die mit Mpesa bspw. ihr Geld bar auszahlen lassen.

Wie überall auf der Welt hat Mpesa aber auch Nachteile für Jeff, obwohl er, wenn gefragt, wiederholt feststellt, dass das Positive das Negative überwiegt. Jedes Mal, wenn ein Systemausfall oder eine geplante Wartung vorliegt, gibt es Einkommensverluste. Da keine Transaktionen möglich sind und viele daran gewöhnt sind Mpesa überwiegend für Zahlungen und Transaktionen zu verwenden, kommen manchmal gute Geschäfte nicht zum Abschluss. Es besteht auch die Herausforderung sicherzustellen, dass diejenigen, die Mpesa nutzen wollen keine illegale Aktivitäten oder Diebstähle unter falschem Vorwand planen. Das wird jedoch durch den Zwang eines Identitätsnachweises abgewehrt. Alle Mpesa-Agenten müssen Zahlungsteilnehmer identifizieren. Gefälschte Ausweise wären hier die einzige Schwachstelle, die kaum zu beheben ist.

Jeff ist dankbar für Mpesa. Sein Geschäft wurde enorm erleichtert. Er nutzt Mpesa, um sein Business zu vergrößern und für seine Familie zu sorgen und hofft, dass sein Kiosk auch in absehbarer Zukunft stetig wachsen wird. Er möchte seinen Beitrag zur kenianischen Wirtschaft oder uchumi leisten, wie es im lokalen Dialekt heißt.

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kowa